"Ich wohne in dieser Stadt, ich bin in ihr geboren, fragte man mich, ob sie meine Heimat sei, wüßte ich keine Antwort. Sie ist die Heimat meiner Erinnerung; das mag für einen Autor viel bedeuten – aber für wen sonst bedeutet es etwas?" Heinrich Böll im Vorwort zu "Köln 5 Uhr 30"
1970 schreibt Heinrich Böll die Einleitung zu dem berühmten Fotoband "Köln 5 Uhr 30" von Chargesheimer. Darin sind menschenleere, triste Straßen der Großstadt zu sehen, die gerade zu erwachen scheint. In Bölls Text, der von Chargesheimer abgelehnt wird, klagt der Schrift-
steller über seine Heimatstadt. Er nennt ihre Geschichte und den Nimbus Kölns als Kulturstadt eine Täuschung, die "lediglich für den Tourismus" interessant sei. Böll bezieht sich dabei auf Alexander Mitscherlichs berühmtes Pamphlet über die "Unwirtlichkeit unserer Städte". Der Psychoanalytiker Mitscherlich fragte sich 1965, welcher Zeitgeist den modernen Städten zugrunde liegt. Und welche sozial-
psychologische Wirkung das auf ihre Bewohner hat. Mit einer ironischen Bemerkung treibt Böll Mitscherlichs Idee noch auf die Spitze:
"Wahrscheinlich wird man in einigen Jahren die These von der Unwirtlichkeit unserer Städte schon als euphorisch bezeichnen, die These von der Unbewohnbarkeit der Städte wird aufkommen und, wenn sie aufkommt, zutreffen." (Heinrich Böll und Köln, S. 159)
Das neue, von Verkehrslärm und Bauwut gekennzeichnete Köln will dem Schriftsteller nicht mehr zur Heimat werden. Im Gespräch mit Werner Koch nennt er es abschätzig "Auto-Köln" und beklagt die negativen Auswirkungen des Verkehrs:
"Ich glaube, daß alle Städte von den Autos zerstört werden, und ich will mich jetzt gar nicht in lange Spekulationen einlassen, daß eine Art Heimatvertreibung durch die Autos auf Dauer stattfinden wird ... Ich glaube, das hängt mit der Ideologie 'Wachstum' zusammen, und wenn die sich ganz reduziert, wenn das Wachstum nur noch aus Autos besteht und Straßen für diese Autos, dann sehe ich da bedenkliche Dinge in der Zukunft." (ebd., S. 209 f.)
Heinrich Böll kehrt aus dem Krieg zurück und erkennt "sein" Köln kaum wieder. In den Jahren des Wiederaufbaus wird ihm die Stadt immer fremder, weil sie mehr und mehr von ihrem so einmaligen Charakter verliert. In den Gesprächen mit Heinrich Vormweg (1976 - 1982) beschreibt er sein Verhältnis zum "neuen" Köln.
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