Böll hat auch ein Parade-Beispiel für diesen Wahn zur Hand: "Schlimm ist so eine Entwicklung wie die Nord-Süd-Fahrt, die ja praktisch ganze Viertel zu Friedhöfen gemacht hat" (Heinrich Böll und Köln, S. 169). Etwas differenzierter sieht es der Kölner Künstler Boris Sieverts. Auf alternativen, psychogeographischen Touren erkundet auch er die "Unwirtlichkeit" der Stadt. Führt die Teilnehmer zu den abseitigen, scheinbar "bedeutungslosen" Orten Kölns. In seinem Aufsatz "Nordsüdfahrt 1999 revisited" bezeichnet Sieverts die vier Kilometer lange Nord-Süd-Fahrt als "gescheitertes Experiment", das "sehr kölnisch" sei. Sie zerschneide zwar die eigentliche Stadtmitte und isoliere bestimmte Viertel. Andererseits sei gerade dadurch "die häufig besungene ausgeprägte Identität selbst kleinster Quartiere" erhalten geblieben. Ein Widerspruch zu Bölls Wahrnehmung, der im Gespräch mit Heinrich Vormweg behauptet, es gebe kein Straßenleben mehr, wie er es noch aus seiner Kindheit kenne:
"Einfach mal aus der Tür auf die Straße gehen und gucken, Zeitungen, Zigaretten kaufen, plaudern mit dem Nachbarn, das gibt’s nicht mehr."
(Weil die Stadt so fremd geworden ist; S. 79)
In dem Gedicht KÖLN III unternimmt auch Heinrich Böll eine Tour durch Köln. Alles, was er an seiner Heimatstadt hasst, wird darin ausgedrückt. Vom "dreißigjährigen Krieg der Bauplaner" ist dort zu lesen und von der "dreimal heiligen Herrschaft von Gerling und Breker", durch welche sich der Geist der Nazi-Zeit im Stadtbild erhalten habe. Als "nett" erscheinen Böll höchstens noch der Rhein und die "gar nicht unnahbaren" Prostituierten des Rotlichtviertels.
Das neue Köln als Horror-Vision des Urbanen, als hektische Großbaustelle und unbewohnbares Kriegsgebiet. Vier Jahre nach KÖLN III wird der französische Soziologe Jean Baudrillard das gleiche Thema in seinem Aufsatz "KOOL KILLER" aufgreifen, über die Anonymität und die fehlenden Freiräume in der Großstadt schreiben. Es klingt fast wie Böll.
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