"Ich liebte die … Straßenschule. Die Straßen zwischen Waidmarkt und Dom, die Nebenstraßen des Neu- und Heumarktes, alles, was rechts und links in Richtung Dom von der Hohe Straße abging, ich trieb mich gern in der Stadt herum, nahm manchmal nicht einmal als Alibi den Ranzen mit, ließ ihn zu Hause zwischen Überschuhen und langen Kleidungsstücken in der Garderobe. ... Vielleicht lernen wir nicht in der Schule, aber auf dem Schulweg fürs Leben?"
(S. 12, 20. Alle Zitate: Böll, Heinrich: Was soll aus dem Jungen bloß werden. Oder: Irgendwas mit Büchern. München 1998; 7. Auflage)
Im September 1982 veröffentlichte Heinrich Böll seine Erinnerungen an vier Jahre (1933-1937) Schulzeit und Jugend im Dritten Reich unter dem Titel "Was soll aus dem Jungen bloß werden". Für den jungen Böll gab es auf seinem Schulweg durch das Severinsviertel eine Menge zu sehen: Kirchen und Märkte, Nonnen und Prostituierte, Gerichtsvollzieher und Zigarettenschmuggler. "Vielleicht lernen wir nicht in der Schule, aber auf dem Schulweg fürs Leben?", reflektierte Heinrich Böll und schildert seine persönlichen Eindrücke vom Leben auf der Straße, das ihn so stark reizte und faszinierte, dass er deshalb der Schule oft fernblieb. Aber was kann man heutzutage vom Leben lernen, was die Schule jungen Menschen nicht bieten kann? Und existiert überhaupt noch solch ein beeindruckendes Leben auf der Straße, wie Böll es in seinem Werk beschreibt? Wir haben Elke Ostbomk-Fischer, Sozialpädagogin und Dozentin an der Fachhochschule Köln, und Ursula Merz, Lehrerin für Deutsch und Geschichte an der Unesco-Projektschule Hansa-Gymnasium, unabhängig voneinander zu Heinrich Bölls Überlegungen zur Straßenschule interviewt.