
"Der Portier witterte Unheil hinter dieser Gewohnheit, morgens zwischen halb zehn und elf in Gesellschaft immer desselben Boys Billard zu spielen; Unheil oder Laster; gegen Laster gab es einen Schutz: Diskretion; die hatte ihren Preis, ihre Kurve, Diskretion und Geld waren voneinander abhängig, wie Abszisse und Ordinate; wer hier ein Zimmer bekam, kaufte diskrete Gewissen; Augen, die sahen und doch nichts sahen, Ohren, die hörten und doch nicht hörten; gegen Unheil aber gab es keinen Schutz: er konnte nicht jeden potentiellen Selbstmörder vor die Tür weisen, denn potenzielle Selbstmörder waren sie alle; das kam sonnengebräunt mit Filmschauspielergesicht, sieben Koffern, nahm lachend den Zimmerausweis in Empfang, und sobald die Koffer gestapelt waren, der Boy das Zimmer verlassen hatte, zog´s die geladene, schon entsicherte Pistole aus der Manteltasche und knallte sich eins vor den Kopf; das kam wie aus Gräbern dahergeschlichen, mit goldenen Zähnen, goldenem Haar, in goldenen Schuhen, grinste wie ein Skelett; Gespenster auf der vergeblichen Suche nach Lust, bestellten Frühstück für halb elf aufs Zimmer, hängten den Zettel 'Bitte nicht stören' draußen an die Klinke, türmten Koffer von innen vor die Tür und schluckten die Giftkapsel, und lange bevor erschrockene Zimmermädchen Frühstückstabletts fallen ließen, raunte es im Haus:

'Auf Zimmer 12 liegt eine Tote', raunte schon nachts, wenn ver- spätete Bargäste auf ihre Zimmer schlichen und das Schweigen hinter der Tür von Zimmer zwölf ihnen unheimlich war; es gab solche, die das Schweigen des Schlafs vom Schweigen des Todes zu unter- scheiden wußten. Unheil: er witterte es, wenn er Hugo eine Minute nach halb zehn mit dem großen Cognac, der Wasserkaraffe ins Billardzimmer hinaufgehen sah. Um diese Zeit konnte er den Boy schlecht missen; Hände knäuelten sich auf seiner Theke, rechnungsheischende, Prospekte einsammelnde Hände, und er ertappte sich immer wieder dabei, daß er um diese Zeit – wenige Minuten nach halb zehn – anfing, unhöflich zu werden; … Schrille Weiberstimmen schrieen nach Liegengelassenem; 'Hugo, mein Ring', 'Hugo, meine Handschuhe', 'Hugo, mein Lippenstift', erwarteten alle, daß Hugo zum Aufzug flitzen, lautlos nach oben fahren und auf Zimmer 19, Zimmer 32, Zimmer 46 nach Ring, Handtasche, Lippenstift fahnden würde; … Aber immer noch schlief der Herr auf Zimmer elf, schlief schon seit sechzehn Stunden, hatte das Schild draußen an der Tür gehängt: 'Bitte nicht stören'. Unheil, auf Zimmer elf oder im Billardzimmer; die Zeremonie inmitten des idiotischen Aufbruchsgewimmels: Schlüssel vom Brett nehmen, Berührung der Hand, Blick in das blasse Gesicht, auf die rote Narbe über dem Nasenbein, Hugos 'Wie immer?', sein Nicken: Billard von halb zehn bis elf."
(S. 25, Z. 19-33; S. 26, Z. 1-19; S. 27, Z. 11-25; S. 28, Z. 21-23)