
"Bereits der Titel enthält ... eine konzeptionelle Komponente. Sie gemahnt an jene visuelle Konfiguration, die Michel Foucault in Les mots et les choses (1966; dt.: Die Ordnung der Dinge, 1971) anhand des Gemäldes 'Die Hoffräulein' ('Las Meninas', 1656, Öl auf Leinwand, 238 x 276 cm, Prado, Madrid) der Perspektivierungskuns von Velasquez zugeschrieben hat: 'Der Maler steht etwas vom Bild entfernt. Er wirft einen Blick auf das Modell. Vielleicht ist nur noch ein letzter Tupfer zu setzen, vielleicht ist aber auch der erste Strich noch nicht einmal getan. Der Arm, der den Pinsel hält, ist nach links, in Richtung der Palette, geknickt und verharrt einen Augenblick unbeweglich zwischen Leinwand und den Farben. Die geschickte Hand ist durch den Blick einen Moment zum Stillstand gekommen; andererseits ruht der Blick auf der Geste des Einhaltens. Zwischen der feinen Spitze des Pinsels und dem stählernen Blick kann das Schauspiel seinen vollen Umfang entfalten' (Foucault, 1974, S. 31)."
(S. 423, Kommentar)
"Weibliche Trägerin der Handlung in der ersten Abteilung ist eine Frau von achtundvierzig Jahren, Deutsche; sie ist 1,71 groß, wiegt 68,8 kg (in Hauskleidung), liegt also nur etwa 300–400 Gramm unter dem Idealgewicht; sie hat zwischen Dunkelblau und Schwarz changierende Augen, leicht ergrautes, sehr dichtes blondes Haar, das lose herabhängt; glatt, helmartig umgibt es ihren Kopf. Die Frau heißt Leni Pfeiffer, ist eine geborene Gruyten ..."
(S. 9, Z. 5–12)

"Kein einziges Wort über Unschuld, sie wird überhaupt nicht erwähnt. Verflucht, was sind das für Zustände? Ist den Deutschen das Schulrecht wichtiger als Lachen und Weinen, Schmerzen und Leiden und Glückseligkeit zusammen? Daß die Unschuld fehlt, ist höchst ärgerlich, man kann ohne Lexikon so schwer mit diesem Begriff zurechtkommen. Läßt uns die Wissenschaft doch letzten Endes im Stich? Genügt es vielleicht zu sagen, daß Leni alles, was sie tat, in aller Unschuld tat und einfach die Anführungszeichen wegläßt? Leni, an der der Verf. mit Zärtlichkeit hängt, kann ohne diesen Begriff nicht verstanden werden. Daß es ihr außerdem nicht an der Möglichkeit fehlte, Bewußtsein zu erlangen, wird sich bald – in etwa einem Jahr – herausstellen, wenn sie ziemlich genau einundzwanzig ist."
(S. 140, Z. 15–27)
"Zur stofflichen Ebene der Kunst-Figur Leni zählen unverkennbar zentrale, typologisch in den Bereich des Religiös-Sakralen verweisende Motive. Unübersehbar sind zunächst die angebotenen religiösen Konnotationen zur Protagonistin. Von ihrem Namen Leni Maria – eine deutliche Assonanz an Maria wie an Maria Magdalena – über den Tag ihrer Geburt (17. August 1922), der mit Mariä Himmelfahrt zusammenfällt, bis zur Dimension der 'Unschuld' (S.140), die sie gleichfalls mit der Jungfrau Maria teilt, reichen die Hinweise auf die innere Verwandtschaft mit der Mutter Gottes."
(S. 433, Kommentar)
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