
(Hoyser sen.): "'Ich fühlte mich durch meinen Hausbesitz gebunden, ich hatte ja nicht nur das Gruytensche Haus, es gelang mir noch, im Januar 45 und im Februar 45 je ein Haus von politisch extrem gefährdeten Personen zu erwerben. Sie können das, wenn Sie wollen, als Anti- oder Re-anti-Arisierung bezeichnen, es waren zwei Häuser aus ehemals jüdischem Besitz, die zwei alte Nazis mir verkauften, rechtmäßig, mit Notar und Scheck, ganz rechtmäßig. – Es war eine korrekte Besitzübertragung – schließlich wars nicht verboten, Häuser zu kaufen oder zu verkaufen, oder? Der Zweite ist mir erspart geblieben, weil ich grad über Land war – aber die Staubwolke hab ich gesehen, in vierzig Kilometer Entfernung – eine riesige Staubwolke – ; und als ich am anderen Tag zurückgeradelt bin, habe ich eine tadellose, makellose Wohnung im Westen gefunden, da mußte ich erst raus, als die Engländer kamen. Die haben nämlich ganz schön die Stadtviertel geschont, in denen sie später wohnen wollten'."
(S. 260, Z. 18–33)
"Ja, jetzt wieder Werner Hoyser (sehr gerafft wiedergegeben), es gehe nicht, wie nur oberflächliche Beobachter, womit er den Verf. keineswegs meine, annähmen, um Geld. Man habe Tante Leni eine kostenlose Wohnung in bester Lage angeboten, kostenlos …"
(S. 362, Z. 25–29)
"… kein Komfort locke oder verlocke, man hänge an seinem altmodischen Herd, an seinen Öfen, an seinen Gewohnheiten – und es sei deutlich, wer hier der reaktionäre Teil sei. Es gehe – und er spreche dieses Wort in seiner doppelten Eigenschaft als Christ in christlichem Fahrwasser und als den rechtsstaatlichen Prinzipien vertrauter, toleranter Nationalökonom und Jurist -, es gehe um Fortschritt, und 'wer fortschreitet, muß über so manchen hinwegschreiten. Da gibts kein romantisches 'Wann wir schreiten Seit an Seit' mehr, das unsere Mutter uns bis zum Überdruß vorgesungen hat. Wir können auch nicht, wie wir wollen, wie Sie sehen, dürfen wir noch nicht einmal in unserem eigenen Haus, wann wir möchten, die Fenster aufmachen.'
Natürlich könne man Tante Leni in keinem der Hoyserschen Neubauten zweihundertelf Quadratmeter zur Verfügung stellen – das würde einem Mietausfall von fast zweitausend Mark entsprechen, und es sei auch nicht möglich, Öfen und 'jederzeit aufreißbare' Fenster zu gestatten, und es müßten natürlich auch, was ihre Mieter, Untermieter oder Liebhaber beträfe, gewisse 'ganz geringfügige gesellschaftliche' Einschränkungen gemacht werden. 'Aber verdammt noch mal', und hier wurde Werner Hoyser zum erstenmal, wenn auch nur vorübergehend, aggressiv, 'so gemütlich wie Tante Leni möchte ich es auch einmal haben'. Aus diesem und anderen Gründen, vor allem um höherer Interessen willen, müsse die unbarmherzig erscheinende Maschine nun anlaufen."
(S. 362, Z. 34–38; S. 363, Z. 1–15)

"Nicht ohne Eigeninteresse schlug der Verf. das Konferenzzimmer der Hoyser-GmbH KG vor, das im zwölften Stock eines Hochhauses am Rhein liegt und, wie Eingeweihte wissen, der Verf. aber noch nicht erfahren hatte, einen phantastischen Blick über die Landschaft, auch die Stadtlandschaft gewährt. Nicht ohne Herzklopfen fuhr der Verf. dorthin: sein kleinbürgerliches Gemüt nimmt immer nur mit Bangen wahrhaft Repräsentatives wahr; er fühlt sich auf Grund seiner extrem kleinbürgerlichen Herkunft dort zwar wohl, und doch fremd. Mit bebendem Herzen auch betrat er die Lobby dieses exklusiven Apartmenthauses, dessen penthouse-artige Wohnungen so beliebt sind. Ein nicht gerade uniformierter, nicht einmal livrierter und doch irgendwie sowohl uniformiert wie livriert wirkender Portier maß ihn nicht gerade verächtlich, lediglich prüfend, und es war deutlich zu spüren: die Schuhbekleidung bestand diese Prüfung nicht. Lautloser Aufzug: man kennt das. Im Aufzug eine Messingtafel mit der Aufschrift 'Stockwerkorientierung', ein flüchtiger Blick – intensives und genaues Studium war nicht möglich angesichts der verblüffenden lautlosen Geschwindigkeit des Aufzugs – zeigte, daß in diesem Haus fast nur schöpferische Kräfte am Werk waren: Architekten, Redaktionen, Modeagenturen ..."
(S. 346, Z. 30–38; S. 347, Z. 1–13)
"Böll orientiert sich hier an dem zur Entstehungszeit des Romans im Bau begriffenen Hochhaus des Kölner Gerling-Konzerns (dem sog. 'Ring-Turm') am Ebertplatz, in unmittelbarer Nähe zur Hülchrather Straße bzw. zum Rhein."
(S. 629, Kommentar)
Literarische Bezüge zu Katholizismus und Rheinland.
Mehr >>>
Die Romanschauplätze in der Neustadt Nord.
Mehr >>>
Lenis Arbeits- und Zufluchtsort: der Zentralfriedhof.
Mehr >>>
Der Krieg als prägendes Ereignis des Romans.
Mehr >>>
Der Roman aus heutiger Sicht.
Mehr >>>