
"Da Lenis Eltern zwar nicht ungeheuer religiös, auch nicht sonderlich kirchlich waren und doch landschafts- und milieubedingt es als einen Mangel, ja sogar als Schande betrachteten, 'daß Leni noch nicht mitgegangen' war, ließen sie Leni dann mit vierzehneinhalb, als sie schon im Pensionat war, 'mitgehen', wie man das auszudrücken pflegt, und da es Leni zu jener Zeit schon – nach glaubwürdigen Auskünften von Marja van Doorn – nach Art der Frauen erging, mißglückte die kirchliche Feier vollständig, die säkulare ebenfalls. Leni hatte dieses Stück Brot so heftig begehrt, ihr gesamtes Sensorium war bereit, tatsächlich in Verzückung zu verfallen – 'Und nun' (so schilderte sie es der damals entsetzten Marja van Doorn) 'bekam ich dieses blasse, zarte, trockene, nach nichts schmeckende Ding auf die Zunge gelegt – ich war drauf und dran, es wieder auszuspucken!'"
(S. 38, Z. 20–34)
"Bedenkt man die Tatsache, daß Leni immerhin das Vaterunser und das Ave-Maria behalten hat und sich dieser Gebete sogar noch bedient; daß sie ein paar Rosenkranzfragmente beherrscht, der Umgang mit der Jungfrau Maria ihr selbstverständlich ist – so wäre hier doch vielleicht die Bemerkung am Platze, daß man Lenis religiöse Begabung so verkannt hat wie ihre Sinnlichkeit, daß in ihr, an ihr vielleicht eine große Mystikerin zu entdecken und zu entwickeln gewesen wäre."
(S. 40, Z. 11–19)
"Nun muß endlich angefangen werden, den Entwurf zu einem Denkmal wenigstens zu skizzieren, das einer Frauensperson gesetzt werden muß, die leider als Zeugin nicht mehr aufgesucht oder auf- und ausgerufen werden kann; sie starb Ende 42 unter bisher ungeklärten Umständen, nicht durch direkte Gewalt, aber durch drohende direkte Gewalt und durch Vernachlässigung, die ihre Umwelt ihr widerfahren ließ. Dieser B.H.T. und Leni waren wahrscheinlich die einzigen Personen, die jene Frauensperson geliebt hat; ihr bürgerlicher Name konnte auch nach sorgfältigen Nachforschungen nicht herausgefunden werden, weder ihr Herkunftsort noch das Milieu, aus dem sie stammte; bekannt ist lediglich – und dafür gibt es Zeugen genug, Leni, Margret, Marja und eben jener ehemalige Antiquariatslehrling, der sich mit den Initialen B.H.T. ausreichend legitimiert weiß – ihr Klostername: Schwester Rahel. Außerdem ihr Spitzname: Haruspica."
(S. 40, Z. 20-35)

"Die zur Figur Rahel im Text verstreut mitgeteilten Details zeigen vielfach Übereinstimmungen mit Lebensdaten und -umständen der 1922 zur kath. Kirche konvertierten und zwischen 1933 und 1938 dem Karmelitinnen-Kloster in Köln- Lindenthal angehörenden, jüdisch gebürtigen Nonne Edith Stein (1891–1942; Teresia Benedicta a Cuce)."
(S. 538, Kommentar)
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