
Böll unterscheidet zwischen dem Glauben, der das Leben der Menschen bestimmt, geprägt vor allem von Nächstenliebe, für die Jesus Christus synonym steht, und der bürokratischen Glaubensauslebung durch die Kirche. Hier wird Glaube formal gelebt, es werden zwar Sakramente empfangen und die Riten der Liturgie vollzogen, jedoch hat dies keine positiven Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Dies verdeutlichen im speziellen die Familien Bogner und Franke in dem Roman 'Und sagte kein einziges Wort' , dessen Arbeitstitel 'Die Imbißstube' war, und tatsächlich spielen sich in dieser Imbissstube immer wieder religiöse Riten ab. Zunächst ist die Imbissstube ein Ort, an dem alle positiv belegten Protagonisten zusammenkommen, während sie in der Kirche voneinander isoliert waren. In der Imbissstube frühstücken die Bogners, nehmen zusammen ihr Mahl ein. In Bogners Alltag ist die Religiösität tief verwurzelt, in ihrer kleinen Wohnung hängt das Kruzifix an der schlecht verputzten Wand, das Gebetbuch liegt im Kühlschrank neben einer halben Zigarette und der Zigarettenbüchse.
Aber die Bogners entsprechen nicht den Vorstellungen des bürgerlich-katholischen Milieus, sie legen keinen Wert auf die Wahrung religiösen Formen.
Frankes wiederum stehen für die Institution Kirche und für den bürgerlichen Katholizismus; im Empfangszimmer finden Treffen katholischer Verbände statt, zu Weihnachten steht hier die Krippe – hier wird Religiösität von Ästhetik und Repräsentation bestimmt.
Als Repräsentant der institutionellen Kirche geht es ihr um Macht, Einfluss und Geld. Im Gegensatz zu den Bogners wahrt sie die religiösen Formen: Sie geht jeden morgen in die Kirche, genießt täglich den Sakramentsempfang, hat Einfluss in der Kirchengemeinschaft und pflegt Kontakte zu den kirchlichen Amtsträgern.
Literatur: Nielen, Manfred 1987: Frömmigkeit bei Heinrich Böll. Verlag Thomas Plöger, Annweiler. 54-67
"Und manchmal morgens, wenn der Kleine schläft, die Großen zur Schule sind, während des Einkaufens schleiche ich mich für ein paar Augenblicke in die Kirche, zu Zeiten, in denen kein Gottesdienst mehr stattfindet, und ich empfinde den unendlichen Frieden, der von der Gegenwart Gottes ausströmt" (S. 24)
"[…] ich habe Angst den Leib Christi zu essen, dessen Genuß Frau Franke täglich erschreckender zu machen scheint. Denn der Glanz ihrer Augen wird immer härter. Und ich habe Angst die heilige Messe zu hören, obwohl die Sanftmut der Liturgie zu den wenigen Freuden gehört, die mir geblieben sind. Ich habe Angst den Pfarrer am Altar zu sehen, den gleichen Menschen, dessen Stimme ich oft nebenan im Sprechzimmer höre: die Stimme eines verhinderten Bonvivats, der gute Zigaretten raucht, sich mit den Weibern seiner Kommissionen und Vereine alberne Scherze erzählt." (S.23)
"Frau Franke wird nur bei seltenen Gelegenheiten sanft: zunächst, wenn sie von Geld spricht. […] Schrecken ergreift mich, wenn ich manchmal unten im Keller bin um Kohlen oder Kartoffeln zu holen, und ich höre sie nebenan die Gläser zählen: mit sanfter Stimme murmelnd, singend die Zahlen wie die Kadenzen einer geheimen Liturgie." (S.26)