
Bölls literarische Werke können als Spiegelbild der Gesellschaft gesehen werden; ab Mitte der 1960er Jahre nimmt das Motiv Glaube in seinen Werken ab und vermischt sich zunehmend mit gesellschaftlichen Problemen. Parallel verringert sich auch der Einfluss von Kirche und Religiösität in der Gesellschaft.
Immer wieder trifft der Leser bei Böll auf zwei konträre Glaubenshaltungen, die Bölls Protagonisten, meist katholisch getauft, innehaben. Diese beiden 'Grundtypen" stehen für den Widerspruch zwischen der 'Institution Kirche', wie sie Böll wahrnimmt, und dem Glauben der Menschen im Alltag, der sich an den 'Sieben Werken der Barmherzigkeit' festmachen lässt: Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. Die Bibel liefert also 'Handlungsanweisungen' für Christen, gegen die die Kirche häufig verstößt. In vielen Werken betrachtet Böll die Kirche in ihrer Eigenschaft als Institution differenziert und kritisiert den Klerus. Der 'bürgerliche Katholizismus' mit seinem Wohlstand und der Prunksucht steht für 'falsche Christen', die ihren Glauben formal ausleben. Dem gegenüber stellt Böll immer wieder Christen, die ihren Glauben auch im Alltag leben und sich Freiräume schaffen, die manchmal auch synonym für die Kirche und ihre Liturgie stehen. Nächstenliebe und Mitleid sind die Hauptinhalte der 'Sieben Werke der Barmherzigkeit' als angewandter katholischer Soziallehre – Bölls positiv geprägte Protagonisten leben nach ihnen.
"Als ich ein Kind war – in einer extrem katholisch-konfessionell bestimmten Stadt aufgewachsen, ... wenn man damals zu jemand sagte: Du bist verrückt, sagte der: Nein, ich bin evangelisch."
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Religion und Kirche wurden besonders in zwei Romanen thematisiert:
"Ansichten eines Clowns"
"Und sagte kein einziges Wort"