Mitleid als Lebensthema
Meurer sieht das Mitleiden als das große Lebensthema Heinrich Bölls: "Das Leiden anderer betrachten ist sowohl Chance zur eigenen Menschwerdung als auch zum tätigen Mitleid." (S. 124). Insbesondere im Frühwerk Heinrichs Bölls ist das religiös bestimmte Mitleiden, der Respekt vor den Armen und vor ihrer Würde ein zentrales Thema.
Kritik an der Institution Kirche
Zugleich klingt immer wieder die Kritik am satten Klerus, einer verkrusteten Amtskirche, Prunk und Bigotterie an. Der 1953 erschienene Roman 'Und sagte kein einziges Wort' und der 'Brief an einen jungen Katholiken' (1958) fokussieren dieses Thema, das Böll auch in den kommenden Jahren niemals losgelassen hat. Literarisch kumuliert die Kritik am Katholizismus im Roman 'Ansichten eines Clowns' (1963). Im Werk Bölls ist mit diesem Roman in gewisser Weise der Bruch mit der Amtskirche vollendet. In seinem eigenen Leben vollzieht sich dies erst im Jahr 1976 mit Bölls Austritt aus der katholischen Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Trotz dieses Schritts steht für Meurer fest, dass für Böll die Kirche als 'corpus christi mysticum, als geistliche Gestalt' wichtig war und zeitlebens blieb (S. 118). Mit seiner ambivalenten Haltung zur Kirche steht Heinrich Böll durchaus in einer Kölner Tradition: Der rheinische Katholizismus war immer geprägt von tiefer Volksfrömmigkeit einerseits und einem zugleich gespaltenem Verhältnis zur kirchlichen Obrigkeit andererseits.
Böll ist in seinem katholisch-liberalen Elternhaus schon als Kind mit dieser Ambivalenz konfrontiert worden. Seine Kriegserfahrung, die (auch persönliche) Armut der Nachkriegsjahre und seine künstlerisch sensible Wahrnehmung haben ihn in seiner Religiosität bestärkt, und zugleich ist seine Ablehnung gegen den 'bürgerlichen Katholizismus' und die christliche Doppelmoral gewachsen. Franz Meurers Diktum über Heinrich Böll: "Freiheit und Gläubigkeit" ist durchaus kennzeichnend für einen Teil des heutigen Laienkatholizismus. Der fromme Rebell Heinrich Böll ist für den zeitgenössischen deutschen Katholizismus und vor allem für die Träger der katholischen Soziallehre ein höchst aktueller Autor.
Literatur: Franz Meurer: Heinrich Böll – Freiheit und Gläubigkeit. In: Hans-Ulrich Wiese (Hrsg.): Prophetische Gestalten im 20. Jahrhundert. Kevelaer 2005, S. 116-127.
"... ich befinde mich, was Religion, Kirche etc. betrifft, in einem ausgesprochen vulgären Zustand ... ."
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"Ich brauche die Sakramente, ich brauche die Liturgie ... Aber ich brauche den Klerus nicht."
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"Als ich ein Kind war – in einer extrem katholisch-konfessionell bestimmten Stadt aufgewachsen, ... wenn man damals zu jemand sagte: Du bist verrückt, sagte der: Nein, ich bin evangelisch."
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Religion und Kirche wurden besonders in zwei Romanen thematisiert:
"Ansichten eines Clowns"
"Und sagte kein einziges Wort"