
"…als Deutschland kapitulierte, starb achtzehnjährig Mary Keegan. Bete – so las ich – für Kevin Cassidy, der am 20.12.1930 dreizehnjährig starb, und es traf mich wie ein elektrischer Schlag, denn im Dezember 1930 war ich selbst dreizehn Jahre alt: in einer großen, dunklen Wohnung der Kölner Südstadt – herrschaftliches Mietshaus, so hätte man das 1908 noch genannt – hockte ich mit dem Weihnachtszeugnis in der Hand; die Ferien hatten begonnen, und ich sah durch eine zerschlissene Stelle des zimtfarbenen Vorhangs auf die winterliche Straße hinunter.
Ich sah die Straße rötlich gefärbt, wie mit unechtem, mit Bühnenblut beschmiert: rot die Schneehaufen, rot den Himmel über der Stadt, und das Kreischen der Straßenbahn, wenn sie in die Schleife der Endstation einbog, auch dieses Kreischen hörte ich rot. Wenn ich aber das Gesicht durch den Schlitz zwischen den Vorhängen schob, sah ich es, wie es wirklich war: bräunlich die Ränder der Schneeinseln, schwarz den Asphalt, die Straßenbahn hatte eine Farbe, wie schlechtgepflegte Zähne sie haben, das Knirschen aber, wenn die Straßenbahn in die Schleife einbog, das Knirschen hörte ich hellgrün: hellgrün schoß es giftig ins blanke Geäst der Bäume auf.
An diesem Tag also starb in Dublin Kevin Cassidy, dreizehnjährig, so alt, wie ich damals war: hier wurde die Tumba aufgestellt, Dies irae, dies illa von der Orgelempore herunter gesungen, Kevins erschrockene Schulkameraden füllten die Bänke; Weihrauch, Kerzenhitze, silberne Troddeln am schwarzen Leichentuch, während ich mein Zeugnis zusammenfaltete, den Schlitten aus dem Spind holte, um rodeln zu gehen. Ich hatte in Latein eine Zwei, und Kevins Sarg wurde ins Grab gesenkt."
(S. 44-45)
"Niemand würde hier eine Mauer umzustürzen versuchen oder einem verlassenen Haus Holz (das hier sehr kostbar ist) entnehmen (bei uns nennt man das ausschlachten; hier schlachtet niemand aus); und nicht einmal die Kinder, die abends das Vieh von der Weide oberhalb des verlassenen Dorfes heimtreiben, nicht einmal die Kinder versuchen, Mauern oder Hauseingänge einzustürzen; unsere Kinder, als wir plötzlich mitten im Dorf waren, versuchten es gleich: dem Erdboden gleichmachen. Hier machte niemand etwas dem Erdboden gleich, und man läßt die weicheren Teile verlassener Wohnstätten dem Wind, dem Regen, der Sonne und der Zeit zur Nahrung, und nach sechzig, siebzig oder hundert Jahren bleiben dann wieder Rohbauten übrig, auf die niemals wieder ein Zimmermann seinen Kranz zum Richtfest stecken wird: so sieht also eine menschliche Siedlung aus, die man nach dem Tode in Frieden gelassen hat."
(S. 44-45)